Grat vom Gletscher auf die Wildspitze (3768 hm)

Der Auslöser

Letztes Jahr fuhr ich über den Reschenpass ins Vinschgau in Südtirol. Statt der geplanten Wanderung bin ich direkt auf einen Berg zugefahren, der mich sofort fasziniert hat: der Ortler.

Mir war klar, dass mir die Voraussetzungen für diesen Berg fehlen: die Kondition, die mangelnde Kletter(steig)erfahrung, wenig Know-how im Gehen mit Steigeisen und einiges an Ausrüstung.

Der Berg lockte, der Bergführer hatte am Ende des Sommers Zeit und ich habe die Wochen vor unserem Termin an der Kondition gearbeitet und Ausrüstung gekauft.

Alles wäre bestens gewesen, hätte uns nicht das Wetter im Stich gelassen. Ein Genua-Tief hinterließ Schnee auf 3000 Meter Höhe. Das hat uns nicht abgehalten, auf die Hütte zu gehen und trotz schlechtem Wetter und Schnee sind wir am nächsten Morgen auf eine Erkundungstour aufgebrochen. Der Bergführer wollte wissen, was ich kann und was ich mich traue: Steigeisen anziehen? Mit Steigeisen auf Schnee gehen, wo man nicht weiß, was drunter ist? Mit Steigeisen auf dem Fels gehen und dann auch zu klettern? Ich gestehe, ich war außerhalb meiner Komfortzone. Ich war unsicher, manchmal langsam, habe mir Mut zugesprochen, um Hilfe gebeten. Und in kleinen Schritten wurde ich sicher, hatte mehr Vertrauen und somit auch mehr Spaß!

Doch nach 2 Stunden merkte ich, dass die Konzentration nachließ. Da nie angedacht war, an diesem Tag zum Gipfel zu gehen, sind wir zurück auf die Hütte.

Umplanung

Und dann kam die Planung: am nächsten Tag den Ortler machen oder einen anderen Gipfel suchen? Die Entscheidung wurde mir überlassen und ich war so zwiegespalten: ich wollte doch unbedingt auf den Ortler. Doch wollte ich das und war es unbedingt notwendig? Was genau wollte ich lernen und erleben?

Mein wirkliches Ziel war es, im Sommer über einen Gletscher zu gehen. Nach mehreren Rückfragen war klar, dass ich das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf der Wildspitze zwei Tage später erleben könnte. Die Entscheidung fiel mir zuerst echt schwer, doch plötzlich war es ganz klar: Die Wetterbedingungen waren hier nicht gegeben.

Und mein gewitzter Bergführer hat dann gleich noch eine Idee: ich könnte doch mit dem E-Mountainbike auf die nächste Hütte fahren. Ja, eh!

Komfortzone

Schon wieder außerhalb der Komfortzone und nur eine ganz kurze Einschulung. Dann der Satz: „Einfach treten und über die Steine drüberfahren!“ Ich habe mir wieder Mut zugesprochen, altes Mountainbike-Know-how hervorgeholt und ja, ich bin auch zweimal abgestiegen.

Das Highlight kam am nächsten Tag: im Dunkeln mit der Stirnlampe losgehen (das hat den Vorteil, dass man sich nicht fürchtet, weil man links und rechts nicht viel sieht), das Schillern des Mondes im See beobachten, über grobes Blockwerk gehen, den Klettersteig gefühlt bravourös meistern um dann am Rande des Gletschers zu stehen.

Und angeseilt im recht frischen Schnee über den Gletscher zu gehen. Es war wunderbar, leicht, aufregend und da und dort blitzte unter mir eine Spalte auf. Über den sehr windigen Grat auf den Gipfel der Wildspitze! Dort bemerkte ich glücklich, dass ich die eine oder andere Spalte erkannt hätte. Vom Bergführer kam der lapidare Satz: „Anna, du bist gerade über sehr viele Spalten gegangen.“

Die Freude, über den Gletscher dann zurückgehen zu können, kann ich kaum beschreiben. Es war leicht, rutschig und lustig. Die Kondition hat gehalten, die Energie war da.

Herausforderung

Ich habe gelernt, dass Klettersteige hinunter leichter sind und man sich beim Raufgehen nicht vor dem Runtergehen fürchten soll. Vor allem, wenn der Bergführer im Hintergrund die Fäden – oder besser gesagt das Seil – zieht.

Der Weg zur Hütte ist zäh, die Abfahrt mit dem E-Mountainbike abenteuerlich und ich bin mir noch nicht sicher, ob das E-Bike und ich Freunde werden.

Die Euphorie ist groß, der Lerneffekt riesig und die Vorfreude auf das nächste Jahr ist da.

Was hat das mit Lernen zu tun?

  • Setze dir Ziele.
  • Mache dir klar, was genau hinter dem Wunsch nach einem Ziel steht.
  • Sei flexibel genug, die Ziele zu schärfen oder in Frage zu stellen.
  • Überlege dir den Einsatz, den du zur Zielerreichung brauchst.
  • Sei dir im Klaren, dass es Faktoren gibt, die das Ziel unerreichbar werden lassen.
  • Sei mutig und probiere etwas völlig Neues aus!
  • Stelle viele Fragen, auch wenn es sich komisch anfühlt oder du glaubst, lästig zu sein!
  • Bitte um Hilfe, wenn du unsicher bist.
  • Mach einen Schritt nach dem anderen.
  • Lernen kann einfach sein, wenn man sich sicher sein kann, dass da jemand mit einem „Sicherungsseil“ da ist.

[Mein Bergführer: Stephan Mitter, www.alpine-kompetenz.com]

Ihnen gefällt, was Sie lesen? Sie möchten den nächsten Beitrag nicht verpassen und mehr über Trainingsdesign, Learning Experience Design und Transferwirksamkeit wissen? Melden Sie sich einfach zum Newsletter an und verpassen Sie keinen Beitrag mehr!

Melden Sie sich für meinen Newsletter an.

Sie haben sich erfolgreich angemeldet!

Melden Sie sich für meinen Newsletter an.

Danke für Ihre Anmeldung!